Eine gute Gesundheit ist keine Sache des Zufalls. Es gibt vieles, das wir selbst tun können, um unsere Gesundheit zu fördern und zu erhalten. Einen wichtigen Einfluss auf das Wohlbefinden nehmen zwischenmenschliche Beziehungen. Der Mediziner Prof. Christian Schubert hat den Zusammenhang zwischen Immunsystem und sozialem Verhalten untersucht.
Nähe macht gesund
Jeder Mensch ist eingebettet in sozialen Beziehungen. Anders könnten wir gar nicht überleben. Die Nähe, Verbundenheit und Unterstützung des menschlichen Miteinanders geben uns Sicherheit. „Die heutige Medizin weiß, dass der soziale Faktor einen ganz wesentlichen Einfluss auf das Immunsystem hat,“ erklärte Christian Schubert im Gespräch mit dem RPP-Institut. „Die Qualität unserer sozialen Beziehungen wirkt sich auf unseren Körper aus.“
Gute Beziehungen führen zu einem stärkeren Immunsystem. Wenn wir uns eingebunden und geliebt fühlen, ist unser Körper besser gegen Viren und Bakterien geschützt. Entzündungen gehen schneller zurück, die Alterung verlangsamt sich und wir werden seltener krank. So gesehen sind soziale Beziehungen einer der wichtigsten Schlüssel zu einem gesunden Leben.
Umgekehrt gilt aber auch: Wenn unsere Beziehungen gestört sind, wirkt sich das genau so gewaltig auf unser Immunsystem aus. Gerade mit der umstrittenen Maßnahme des „Social Distancing“ während der Covid-Krise wurde das deutlich. Die Vernachlässigung von Alten und Kranken war enorm kontraproduktiv. Einsamkeit schwächt das Immunsystem und die Fähigkeit des Körpers, mit einer Infektion umzugehen.
Kontakt reduzieren, aber nicht vermeiden
Im Covid-Management dominierte das mechanistische Weltbild: Kontakt mit dem Virus kann zu Krankheit führen. Infizierte können den Virus übertragen und sind daher gefährlich. Die Lösung bestehe also darin, die Menschen mechanisch voneinander zu isolieren, um die Pandemie einzudämmen. Doch diese Logik war viel zu kurz gedacht. Lockdowns haben den Virus nicht aufhalten können. Und es war die Einsamkeit, die viele noch kranker gemacht hat, sowohl physisch als auch mental.
Wenn wir eine Infektion durchmachen und mit einem Virus infiziert sind, verändern wir automatisch unser soziales Verhalten. „Das Immunsystem benötigt enorm viel Energie, um die Infektion zu bekämpfen. In diesem Fall setzt es sogenannten Zytokine frei,“ so Schubert. Zytokine sind Stoffe, die wichtige immunologische Prozesse in Gang setzen. Bei der Abwehr von Viren melden sie dem Gehirn, dass wir unbedingt Energie sparen müssen.
Kurz gesagt: Wir fühlen uns krank. Dementsprechend ändert sich unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Wir spüren, dass wir uns schonen müssen. Wir verlieren den Appetit, bewegen uns weniger und ziehen uns zurück. Dieser Prozess läuft ganz natürlich ab und ist für unser Überleben notwendig. Aber es ist kontraproduktiv, sich völlig zu isolieren – egal ob man bereits infiziert ist oder nur Angst vor einer möglichen Infektion hat.
Das soziale Immunsystem
Das Immunsystem bewirkt ganz von sich aus eine Veränderung des sozialen Verhaltens. „Wenn wir uns krank fühlen, meiden wir viel eher fremde Personen,“ erläutert Schubert. „Sie könnten potenziell neue Krankheitskeime tragen, die unser Immunsystem zusätzlich belasten würden. Gleichzeitig vermeiden wir größere Gruppen, weil wir uns schlapp fühlen und Ruhe bevorzugen. Somit schützen wir andere.“ Die Natur hat das brillant eingerichtet.
Interessanterweise ist es aber auch so, dass das Immunsystem zwischen vertrauten Personen und Fremden unterscheiden kann. Wenn wir krank sind, lassen wir Nahestehende an uns heran. Wir erlauben ihnen, uns zu umsorgen und zu pflegen. Das ist nicht selbstverständlich. Das Immunsystem hat eine soziale Komponente. Wenn wir krank sind, sind wir für manche soziale Reize sensibler als für andere.
Menschen sind soziale Wesen. Wir leben in Gemeinschaft mit anderen. Wir profitieren nicht nur von der Gemeinschaft, weil sie uns Nähe, Vertrautheit und Unterstützung schenkt. Unser Immunsystem fördert unser Verhalten auch dahingehend, dass wir die Gemeinschaft schützen, wenn wir mit einer Infektion zu kämpfen haben.
Das Immunsystem informiert uns auf natürliche Weise, wenn wir uns zurückziehen sollen. „Social Distancing“ ist aber ein völlig falscher Ansatz. Denn Isolation führt zur Schwächung des Immunsystems. Auf den Körper zu hören, füreinander zu sorgen und starke Beziehungen zu pflegen: Das ist der heilige Gral der Gesundheit.