Gender-Psychologie: Männer ticken anders – Frauen auch

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Frauen sind anders als Männer. Dennoch ist es atemberaubend, wie viel beim Thema Gender umgedeutet, verdreht und gelogen wird. Der Psychiater und Neurowissenschaftler Dr. Raphael Bonelli spricht Klartext. Er zeigt den aktuellen Stand der Forschung auf und liefert überraschende Erkenntnisse.

Worin unterscheiden sich Männer und Frauen?

So einfach ist die Frage gar nicht zu beantworten. Beginnen wir beim Aspekt der Körpergröße. Zu behaupten, Männer wären größer als Frauen, ist ja schon eine Verallgemeinerung und daher nicht ganz korrekt. Viele Frauen sind ungefähr 167 cm groß. Dann gibt es sehr kleine Frauen um die 140 cm oder auch sehr große um die 190 cm. Im Durchschnitt sind Männer mit 178 cm größer als Frauen. Betrachtet man die Verteilungskurven, so gibt es einen Anteil von Männern, die viel kleiner sind als große Frauen. Doch die Ausnahmen bestätigen die Regel.

Diese Beobachtung scheint banal zu sein. Aber wenn es um Gender geht, gelten Durchschnittswerte nicht nur für die Körpergröße, sondern für jeden psychologischen Parameter, den wir messen können – und das sind über 100! Nehmen wir zum Beispiel die Empathie. Frauen sind im Durchschnitt viel empathischer als Männer. Deswegen kann man aber nicht pauschal sagen, alle Männer seien weniger empathisch.

Menschen sind verschieden und können daher nicht in fertige Schubladen gesteckt werden. Vielleicht verlaufen unsere gesellschaftlichen Diskussionen deswegen so leidenschaftlich, weil die Wirklichkeit so komplex ist.

Die Entwicklung der Genderforschung

Um 1900 dominierte unter Psychologen der Biologismus. Auch Sigmund Freud gehörte dazu. Biologismus bezeichnet ein Schwarzweiß-Denken: Männer sind so, Frauen sind so. Auf dieser Grundlage wurden dann gesellschaftliche Normen gerechtfertigt, zum Beispiel, dass Frauen nicht auf die Universität gehen dürfen.

Nach 1945 änderte sich der Gender-Diskurs. Mit dem Sexualwissenschaftler John Money, der feministischen Schriftstellerin Simone de Beauvoir und der Feministin Judith Butler kam der Genderismus. Genderismus bedeutet die Überbetonung des sozialen Geschlechts. Biologische Unterschiede werden dabei heruntergespielt. Männer und Frauen haben dieselben Voraussetzungen, aber gesellschaftliche Konventionen würden zur Benachteiligung von Frauen führen.

Ungefähr ab 2000 begann eine dritte Phase der Genderforschung, nämlich die Gender-Medizin. Die Gender-Medizin besagt, dass Männer und Frauen zwar nicht ganz andere Wesen sind, aber doch zwei biologisch unterscheidbare Gruppen bilden. Das Faszinierende an der Gender-Medizin ist, dass sie belegt, wie Männer und Frauen zusammenpassen. Ihre Unterschiede sind natürlich und das ist gut so.

In seinem Buch Frauen brauchen Männer (und umgekehrt) (2018) beschreibt Dr. Raphael Bonelli das Prinzip Männlichkeit und das Prinzip Weiblichkeit. Darin greift er eine Forschungsrichtung der Psychologie auf, die sich Attraktivitätsforschung nennt. Dr. Bonelli kommt zum Schluss, dass Eigenschaften, die man selbst nicht hat, aber beim anderen sieht, unheimlich attraktiv wirken können. Je männlicher ein Mann und je weiblicher eine Frau ist, desto attraktiver werden sie vom jeweils anderen Geschlecht empfunden.  

Drei Dimensionen

Wenn es um Männer und Frauen geht, erklärt Dr. Bonelli, lassen sich ihre Unterschiede anhand von drei Dimensionen darstellen. Die erste Dimension ist die Körperlichkeit. Männer sind stärker als Frauen. Das darf man heute fast gar nicht sagen. Aber ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Männer einen höheren Muskelanteil als Frauen haben? In den neuen Kinofilmen vermöbeln Super-Frauen dauernd die Männer. Und da denkt man sich: Irgendetwas stimmt da nicht ganz. Wenn man sich die Weltrekorde im Kraftsport ansieht, führen Männer klarerweise.

Männer sind aber nicht nur körperlich stärker, sondern auch psychisch. Eine Studie von Forscherinnen (!) ist zum unerwarteten Schluss gekommen, dass Männer mental robuster sind. Was zum Beispiel Elitesoldaten durchmachen, ist sagenhaft. Sie müssen kämpfen, überleben, mit wenig Schlaf auskommen und können oft wochenlang nicht duschen. Aber bedenken Sie, dass sich typisch männliche Eigenschaften ebenso bei Frauen finden, nur eben anders verteilt.

In ausnahmslos allen Kulturen verwenden Frauen viel mehr Zeit, um sich selbst schön zu machen. Wenn man sich das genauer ansieht, dann passen diese Unterschiede extrem gut zusammen. Die eine Seite ist stark und hat das Bedürfnis, andere zu schützen. Die andere Seite ist schön, zerbrechlicher und daher schutzbedürftig.

Die zweite Dimension ist die Empathie. Wenn man als Mann mit Kindern (oder auch Tieren) unterwegs ist, wird man viel eher von Frauen angelächelt. Diese Nähe zum Leben ist bei Frauen viel ausgeprägter als bei Männern. Bei Männern muss dieser Sinn erst erweckt werden. Sie spüren das Bedürfnis nicht in sich, sondern müssen erst überzeugt werden, Kinder zu haben. Frauen haben eine wesentlich höhere emotionale Intelligenz. Frauen spüren sehr genau, was in einem vorgeht. Sie haben auch eine ausgeprägtere Intuition.

Frauen sind sensibler, was soziale Fettnäpfchen betrifft. Männer sind da oft unbeholfen und scheren sich weniger um die Meinung anderer. Um den ausgeprägten Mangel an emotionalem Feingefühl positiv zu formulieren, könnte man auch sagen, Männer haben eine höhere emotionale Stabilität. Daher ergänzen sich beide Seiten so gut, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Gemeinsam als Paar sind Mann und Frau ein unschlagbares Team.

Die dritte Dimension ist die Kognition. Vor zehn Jahren hat eine Studie gezeigt, dass Männer und Frauen kognitive Aufgaben im Durchschnitt gleich richtig und gleich schnell lösen. Aber sie verwenden dabei ganz andere Areale des Gehirns. Damit wurde bewiesen, dass Männer und Frauen tatsächlich anders denken, aber keiner ist dümmer als der andere. Männer lösen Probleme mit der grauen Substanz, also mittels fokussiertem Denken, Frauen mit der weißen Substanz, also mittels Assoziation. Anders gesagt, Frauen denken ganzheitlicher und aktivieren ihre Gefühle und Erinnerungen viel stärker.

Ideale Ergänzung

Aus der Soziologie wissen wir auch, dass sich Frauen kulturübergreifend mehr für personenorientierte Berufe interessieren und Männer mehr für sachbezogene, technische Berufe. Aus Sicht der Kindererziehung ist das faszinierend. Denn Väter und Mütter denken und fühlen anders. Deswegen nehmen sie ihre Kinder unterschiedlich wahr und können auf ihre Weise auf die Bedürfnisse der Kleinen eingehen. Kurz gesagt: Männer und Frauen ergänzen sich. Umso wichtiger ist es, dass sie einander zuhören und mit Respekt behandeln.

Bildquellen
StockSnap, https://pixabay.com/photos/love-couple-romance-kiss-intimate-2587456/
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